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7. In Vertretung

 

Beetle

Beeetle, Prüfgehilfe und Empfangsangestellter im Haus Nummer Dreizehn in der Zaubererallee, das die Zauberprüfstelle und das Magische Manuskriptorium beherbergte, hatte keinen guten Tag. Es war ein stürmischer, regnerischer Montagmorgen, und Jillie Djinn, die Obergeheimschreiberin, war weggegangen und hatte ihm die Aufsicht übertragen. Zuerst war er begeistert gewesen. Er fühlte sich geehrt, denn Jillie Djinn wählte ihre Stellvertreter stets sorgfältig aus, und wenn es nur für eine Stunde war. Gewöhnlich betraute sie den dienstältesten Schreiber damit, doch heute Morgen hatte sie Beetle mit diesem stechenden Blick angesehen, bei dem er sich immer fragte, was er falsch gemacht hatte, und zu ihm gesagt: »Mr. Beetle, Sie übernehmen meine Vertretung. Falls sich jemand für die freie Stelle bewirbt, füllen Sie das Formular aus, dann spreche ich heute Nachmittag mit ihm. In einer Stunde bin ich zurück. Keine Minute früher. Keine Minute später.« Dann war sie mit einem Rascheln ihres dunkelblauen Kleids zur Tür hinaus und entschwunden.

Beetle hatte die Tür gegen den Wind ins Schloss gedrückt und leise eine Melodie gepfiffen. Am liebsten wäre er herumgehüpft und hätte geschrien »Jetzt bin ich der Chef!«. Doch er nahm sich zusammen und warf nur einen kurzen Blick ins Manuskriptorium, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung war. Es war alles in Ordnung. Zwanzig Schreiber, einer weniger als gewöhnlich, saßen an ihren hohen Pulten unter zwanzig matten Lichtkegeln, kratzten mit ihren Federn auf Papier und fertigten Abschriften an: von Zaubersprüchen und magischen Formeln, von Verträgen, gelehrten Schriften, Erlaubnis- und Zulassungsscheinen, Vollmachtsurkunden und allem anderen, was Zauberer benötigten – oder jeder andere Bewohner der Burg, der ein paar Silberpennys erübrigen konnte.

Beetle feierte seine befristete Beförderung, indem er auf seinem Drehstuhl Platz nahm, sich wieder und wieder im Kreis drehte, was eigentlich verboten war, und probehalber ein Chefgesicht aufsetzte. Fünf berauschende Minuten lang war alles wunderbar, und dann ging alles schief.

Später fragte er sich verwundert, wie in so kurzer Zeit so viele Missgeschicke passieren konnten. Alles begann damit, dass ein großer, hagerer Junge in einem abgetragenen schwarzen Kittel und mit schmutzigem Umhang in den Kundenraum trat, Jillie Djinns neuen – und äußerst lästigen – Kundenzähler auf die Zahl »Drei« springen ließ und die Obermagieschreiberin zu sprechen verlangte.

»Ist nicht da«, erwiderte Beetle unwirsch, denn der Besucher gefiel ihm gar nicht. »Ich vertrete sie.«

Der Junge musterte ihn von Kopf bis Fuß und kicherte. »Aha«, sagte er. »Darauf wäre ich nie gekommen.«

»Offensichtlich nicht«, erwiderte Beetle, überrascht, dass er für einen Moment wie Marcia Overstrand klang. Etwas spät besann er sich darauf, dass er als Mitarbeiter des Manuskriptoriums immer höflich bleiben sollte, und so setzte er eilends hinzu: »Nun, äh, kann ich dir helfen?«

»Das bezweifle ich.« Der Junge zuckte mit den Schultern.

Beetle holte tief Luft und zählte bis zehn. Dann sagte er: »Ich kann ganz bestimmt etwas für dich tun, wenn du mir sagst, was du willst.«

»Ich möchte die Stelle als Schreiber«, antwortete der Junge.

Beetle erschrak. »Die Stelle als Schreiber?«

»Ja«, sagte der Junge und grinste, erfreut über den Eindruck, den er machte. »Die Stelle als Schreiber.«

»Aber ... aber hast du denn irgendwelche Zeugnisse?«, stammelte Beetle.

Als Antwort beugte sich der Junge vor und schnippte mit Daumen und Mittelfinger vor Beetles Gesicht. Eine schwarze Flamme zuckte aus seinem Daumen. »Das sind meine Zeugnisse«, sagte der Junge.

Beetle plumpste auf seinen Stuhl zurück. Er hatte schon von Schwarzkünstlertricks gehört, aber mit eigenen Augen gesehen hatte er noch nie einen. Seiner Aufmerksamkeit war nicht entgangen, dass der Junge einen auffallenden Ring trug. Allem Anschein nach eine billige Imitation des sagenumwobenen Dunkelrings mit dem Doppelgesicht. Der Bursche gehörte wohl zu diesen verrückten jungen Leuten, die sich einbildeten, sie könnten der nächste Lehrling des alten DomDaniel werden, wenn sie schwarze Kleidung trugen und in der Schauergrotte, einem Zauberladen in den Anwanden, vermeintlich magische Schmuckstücke kauften.

Beetle gab Jillie Djinn die Schuld daran. Zu seinem Missfallen hatte sie vor ein paar Wochen einen Zettel mit dem Stellenangebot an die Ladentür gehängt. Er hatte dagegen eingewendet, dass dies alle möglichen seltsamen Leute ermutigen werde, sich für die freie Stelle zu bewerben. Doch Miss Djinn hatte darauf bestanden.

Zu Beetles Erleichterung hatte sich bis heute niemand für die Stelle beworben, und er hatte die knauserige Miss Djinn immer wieder dazu zu überreden versucht, eine Annonce im Schreiberjournal aufzugeben. Erst heute Morgen hatte er ihr wieder einen Zettel mit der Anzeigenpreisliste und günstigen Sonderangeboten der Zeitschrift auf den Schreibtisch gelegt. Nun aber sah es so aus, als sollten seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

Mit einem Seufzer zog er das übliche Formular des Manuskriptoriums für Stellenbewerber hervor, leckte die Spitze seines Bleistifts an und fragte: »Name?«

»Septimus Heap«, antwortete der Junge.

»Red keinen Blödsinn«, sagte Beetle.

»Niemand darf sagen, dass ich Blödsinn rede!«, schrie der Junge. »Niemand! Kapiert?«

»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte Beetle. »Aber du bist nicht Septimus Heap.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte der Junge mit einem höhnischen Grinsen.

»Weil ich Septimus Heap kenne. Und du bist es nicht. So viel steht fest.«

Die dunklen Augen des Jungen funkelten zornig. »Da irrst du dich aber gewaltig. Ich weiß, wer ich bin. Du nicht. Also schreib unter ›Name‹ gefälligst Septimus Heap in dein Formular.«

»Nein.«

Sie starrten sich an, und jeder versuchte, den anderen zum Wegsehen zu zwingen. Der Junge sah zuerst weg. »Na schön«, sagte er. »Ich hab mal so geheißen. Früher.«

Beetle ließ ihm seinen Willen, um ihn nicht wieder in Rage zu bringen – was nicht hieß, dass er fürchtete, bei einer Rauferei den Kürzeren zu ziehen. Der Junge war zwar etwas größer als er, aber eher dünn und schwächlich und keinesfalls so stämmig und kräftig wie er. Doch Beetle wollte nicht, dass der Kundenraum verwüstet wurde, schon gar nicht, wenn er die Aufsicht hatte. »Und wie heißt du heute?«, fragte er ruhig.

Der Junge antwortete nicht gleich. Seine schwarzen Augen, die grün gesprenkelt waren, wie Beetle jetzt bemerkte, zuckten umher wie die einer Eidechse. Er hatte das Gefühl, dass der Junge sich in diesem Moment einen Namen ausdachte.

Beetle hatte recht. Merrin brauchte schnell einen Namen, und nicht irgendeinen. Er wollte nicht Merrin Meredith sein, er fühlte sich nicht so. Außerdem war es ein blöder Name. Meredith war ein Mädchenname, und Merrin fand er einfach nur doof. Er brauchte etwas Grusliges. Kurzerhand entschied er sich für die beiden Furcht einflößendsten Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war: DomDaniel und den Jäger.

Beetle wurde ungeduldig. »Also«, fragte er, »wie lautet dein Name?«

»Dom... äh, ich meine, Daniel.«

»DomDaniel?« Beetle schüttelte den Kopf.

»Red keinen Quatsch. Ich sagte, Daniel. Daniel. Kapiert?«

Beetle zwang sich zur Ruhe. »Daniel, und wie weiter?«

»Daniel Jäger.«

»Gut, dann trage ich also Daniel Jäger ein. Einverstanden?«, fragte Beetle mit übertriebener Geduld.

»Ja.«

»Bist du sicher? Oder willst du es dir noch einmal anders überlegen?«

»Na hör mal«, stieß der Junge knurrend hervor, »das ist mein Name, klar? Also schreib ihn hin.«

Beetle hielt es für das Beste, alles zu tun, um den Jungen so schnell wie möglich wieder loszuwerden, und füllte rasch das restliche Formular aus. Er verkniff sich eine Bemerkung, als der Junge behauptete, er habe mindestens zehn Jahre Erfahrung als Lehrling bei zwei verschiedenen Zauberern und praktische Erfahrung in weißer Hexerei. Er glaubte ihm kein Wort, und hätte er behauptet, er sei zum Mond und wieder zurück geflogen, so hätte er auch das hingeschrieben, nur um den Abgang des Jungen zu beschleunigen.

Endlich war das Formular ausgefüllt. Mit einem gewissen boshaften Vergnügen spießte es Beetle auf den Notiznagel mit den Zetteln, die Jillie Djinn bei ihrer Rückkehr erwarteten.

Der Junge machte keine Anstalten zu gehen.

»Das war’s«, sagte Beetle. »Du kannst gehen.«

»Und wann soll ich zum Vorstellungsgespräch kommen?«

Mist, dachte Beetle. Der andere beobachtete ihn scharf, als er in dem Tageskalender auf seinem Tisch blätterte, einer dicken Kladde, die er stets auf dem neuesten Stand zu halten hatte. »Punkt 14.33 Uhr«, erklärte er. »Keine Minute früher, keine Minute später.«

»Bis dann«, verabschiedete sich der Junge mit einem Grinsen.

»Wird mir eine Freude sein«, erwiderte Beetle kühl. »Ich darf dich hinausbegleiten.« Er erhob sich, hielt Merrin die Tür auf und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Dann knallte er die Tür zu, dass der ganze Laden wackelte. Im selben Augenblick ging der Zauberausbruchalarm los.

Der Zauberausbruchalarm war mit Absicht besonders unangenehm und bestand aus immer wiederkehrenden lauten Kreischtönen, die mit einem schrillen Dauerklingeln unterlegt waren. Da Beetle nicht wusste, ob es sich nur um einen weiteren Schwarzkünstlertrick handelte oder ob tatsächlich ein Zauber ausgebüchst war, schickte er vier Schreiber, die darüber gar nicht erfreut waren, in den Keller, um nachzusehen. Kurz danach drang dumpfes Gepolter von unten herauf, doch der Alarm hörte nicht auf, und Beetle musste sich heftige Proteste der verbliebenen Schreiber anhören, die bei dem Krach nicht arbeiten konnten. Erbost schickte er die zwei kräftigsten Schreiber als Verstärkung nach unten, und den anderen empfahl er, sich die Ohren zu verstopfen – ein Vorschlag, der wenig Beifall fand.

Im nächsten Moment erschütterte ein lautes Getöse den Kundenraum. Ein furchterregendes Knurren und dumpfe Schläge drangen durch die verstärkte Tür, die ins Magazin für wilde Bücher führte. Beetle holte tief Luft und spähte durch die Schauklappe in der Tür. Im Magazin tobte ein heftiger Kampf. Fellfetzen und Federn wirbelten durch die Luft. Beetle musste rasch hinein, bevor die ganze Einrichtung verwüstet wurde. Als er vorsichtig die Tür öffnete, versuchte ein großer und stark behaarter Spinnenalmanach, sich gewaltsam herauszuzwängen.

Beetle rief ausgerechnet Foxy, einen der Schreiber mit den schwächsten Nerven, zu Hilfe, um die Tür festzuhalten. Es war keine kluge Wahl. Foxy stieß beim Anblick des Spinnenalmanachs einen spitzen Schrei aus, fiel in Ohnmacht und warf dabei zwei Tintenfässer mit unauslöschlicher Tinte um, deren gesamter Inhalt sich über Jillie Djinns Berechnungen der letzten zwei Wochen ergoss, die Beetle für sie abschreiben sollte.

Beetle streckte den Kopf ins Manuskriptorium und rief: »Löschzauber! Schnell!« Dann holte er tief Luft und stürzte sich ins Magazin für wilde Bücher.

Zehn Minuten später tauchte ein strubbeliger und gereizter, aber erfolgreicher Beetle wieder aus dem Magazin auf. Foxy lag noch besinnungslos am Boden, und die Schreiber, die verzweifelt nach einem Löschzauber suchten, ehe Jillie Djinn zurückkam, sprangen einfach über ihn hinweg. Unterdessen schrillte der Schurkenzauberalarm unvermindert weiter. Und Beetle, der seinen eigenen Rat beherzigt und sich Ohrstöpsel aus Kork mit gezwirbelten Griffen in die Ohren gestopft hatte, untersuchte ein paar böse Kratzer, die ihm ein heimtückischer Foryx-Naturführer beigebracht hatte. Schlimmer, so sagte er sich, konnte es nicht mehr kommen.

Es konnte.

Ein helles Ping ertönte, der Kundenzähler sprang auf vier, und herein rauschte Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin. Ihr lila Umhang flatterte im Wind, ihr dunkles lockiges Haar war nass und zerzaust vom kalten Frühlingsregen. Ihre Miene verfinsterte sich, als sie das Kreischen des Alarms vernahm, das sich links und rechts in ihre Ohren bohrte und sich irgendwo im weichen und empfindlichen Inneren ihres Kopfes wieder zu vereinen schien.

»Beetle«, rief sie, »was um alles in der Welt geht hier vor?«

Septimus Heap 04 - Queste
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